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V4 Stories

Köstlich – VFR-Schoko-Tour durch die Schweiz
Schokolade macht glücklich, ein gutes Motorrad sowieso. Noch verlockender klingt die Kombination, mit der VFR1200F die Schweiz, das Schokoland schlechthin, zu durchkurven. Ein paar süße Destinationen abfahren, Leckereien verkosten und das Ganze mit schönen Kurven und Passüberquerungen überzuckern. Der V4-Webmaster setzte diesen pfundigen Plan begeistert in die Tat um und begann anschließend eine Diät. ... mehr lesen



Erster Tag. Freitag.

Klick-Klack links. Klack-Klick rechts. Die Seitenkoffer sind im Handumdrehen angesetzt und verriegelt. Was man so braucht für ein paar Tage, findet darin locker Raum. Kamera, Reservehandschuhe und Kleinzeugs kommen in den Tankrucksack.

Zur Einstimmung auf die V4-Schoko-Tour verspeise ich einen Schoko-Muffin zum Frühstückstee, selbstgebacken von der Nachbarin. Unvorbereitet, wie ich bin, ist eine schnelle Schussfahrt aus Rhein-Main an die Schweizer Grenze geplant, die Route danach nur grob. Ein paar süße Adressen sind notiert, ein paar Passstraßen ausgeguckt. Zunächst geht es zügig über Land, dann auf die Autobahn. Über Mannheim, Karlsruhe und Freiburg in Richtung Tell-Country.

Ich durfte die VFR1200F schon öfter reiten, zuerst bei der Weltpräsentation in Spanien, dann auf Mallorca, schließlich bei mehreren Anlässen in Deutschland. Das fährt so klasse, ich kann gar nicht genug kriegen. Die Charakteristik dieses V4 ist anders. Nicht so rumplig massierend wie ein Twin, nicht so fein und seidig wie ein Inline-Four. Sondern eher dazwischen. Eine VFR perlt ruhig aber lebendig vor sich hin, legt leichtfüßig an Drehzahlen zu, wirkt nie angestrengt.

173 PS sind eine Menge Qualm. Das Motorrad läuft nicht nur auf der Autobahn mächtig schnell, wenn man es lässt. Holla, die Waldfee! Aber es kann auch anders. Entspannt dynamisch auf Landstraßen bei mittlerer Gangart seine Bahn ziehen. Flockig locker in dichtem Verkehr mitfließen. Oder ganz entspannt Stadtverkehr oder Stau wegstecken. Ein paar Stunden auf dem Weg gen Süden ist Gelegenheit, sämtliche Fahrspaß-Qualitäten auszuprobieren.

Erster Anfahrpunkt ist noch in Deutschland, kurz vor der Schweizer Grenze: das Milka-Werk in Lörrach. Die heutige Fabrik war das erste Auslandswerk des einst von Philippe Suchard in Neuchâtel gegründeten Confiserie-Betriebs, der von folgenden Generationen zur Schokoladefabrik ausgebaut wurde und heute zum Kraft-Konzern gehört. Die Marke Milka gibt es bereits seit 1901, zusammen gesetzt aus den Silben Mil(ch) und Ka(kao). Die Farbe Lila gab es von Anfang an, die ebenso eingefärbte Kuh kam 1973 dazu.

Das Werk an der Milka-Strasse, in dem über drei Millionen Schokoladetafeln täglich produziert werden, ist riesig. Die Luft riecht nach Kakao. Auf einem Stück Wiese sind bunte Kuhfiguren aufgestellt. Für ein paar Fotos mit der Kuh-munity stelle ich die Honda dazu. Beim Pförtner erfahre ich: Einen Werksverkauf für Besucher gibt es nicht, nur für Mitarbeiter. Also erstehe ich eben an der nächsten Tankstelle einen Milka-Nussini-Schokoriegel und verspeise ihn auf der Stelle.

Am Grenzübergang klebe ich eine Autobahn-Vignette auf die Verkleidungsscheibe und rolle über Basel in Richtung Bern. Das 120 km/h-Tempolimit zu beachten, empfiehlt sich, denn die Eidgenossen verstehen bei Speeding wenig Spaß. Die VFR kommt aber auch mit der gemäßigten Gangart locker klar. 3500 Touren im sechsten Gang sind laut Tacho 100 km/h. Tausend Touren mehr zaubern 130 km/h auf die Uhr. Dazwischen lässt es sich aushalten. Auch dank der Sitzposition, die tourensportlich leicht nach vorne geneigt ist. Die Verkleidung ist eh ein Volltreffer, was Aerodynamik, Wind- und Wetterschutz betrifft. Nichts wirbelt, flattert, rupft. Weder oben am Helm, nicht seitlich oder an der Brust. Weder bei limitiertem Tempo, noch zuvor bei freier Fahrt auf deutschen Autobahnabschnitten.

Das Tobler-Werk bei Bern ist das nächste Ziel. Die wohl bekannteste Schweizer Schokolade wurde vor 102 Jahren von Jean Toblers Sohn Theodor erfunden, gemeinsam mit seinem Cousin Emil Baumann, der von einer Elsass-Reise weißen Nougat mitbrachte. Das Spezialrezept aus Milchschokolade und Honig-Mandel-Nougat ergab dann jene einzigartige Mischung der Toblerone. Angeblich hat für die originelle Dreiecksform der Verpackung sogar das Matterhorn herhalten müssen.

Als ich ankomme, liegt wieder köstlicher Schokoduft in der Luft. Das Toblerone-Werk ist schon geschlossen, was am späten Freitagnachmittag aber nicht verwundern darf. Mein Timing scheint nicht optimal? Vielleicht, aber auf einen Werksbesuch mit Rundgang bin ich gar nicht scharf. Mir reicht es hier zu sein. Bemerkenswert: Die Fabrik ist zwar groß, aber unauffällig, fast diskret. Nur an einer Stelle ragt eine vergrößerte Toblerone-Verpackung keck aus der Wand heraus. Ansonsten finden sich keine Firmen- oder Namensschilder.

An einer Raststätte habe ich vorher einen Toblerone-Riegel gekauft. Ich breche zwei Stücke ab und zerkaue diese genüsslich, bevor ich in den anbrechenden Abend weiter nach Fribourg fahre. Dort angekommen suche ich mir ein Hotel. Nachdem ich die Packtaschen abgenommen – Klack-Klick links, Klick-Klack rechts – und aufs Zimmer getragen habe, schiebe ich mir noch einmal zwei Stücke in den Mund.


Zweiter Tag. Samstag.

Der Verzicht aufs Hotelfrühstück fällt leicht. Lieber fahre ich in die „Chocolaterie Villars“ mitten in Fribourg. Hinter der schlichten Backstein-Fassade des Betriebs, der bereits 1901 gegründet wurde, findet sich ein gemütliches Lokal mit Direktverkauf. In Café-ähnlicher Atmosphäre esse ich ein Schokolade-Brötchen, trinke kalten Kakao und probiere eine Kollektion handgemachter Pralinen aus der Vitrine – mit Ingwer, mit Nougat, mit Ananas, mit Pistazie, mit Marzipan. Resultat: Ich bin als Tester nicht zu gebrauchen, mir schmeckt jede besser als die andere.

Die „Chocolaterie Villars“ zählt zu den mittelständischen Unternehmen. Alle süßen Waren werden im hinteren Bereich des Hauskomplexes angefertigt. Jetzt am Samstag ruht die Produktion natürlich. Aber das Verkaufslokal ist gut besucht. Kunden kehren aus und ein, lassen sich feine Köstlichkeiten zusammen stellen oder bedienen sich mit fertig abgepackter Ware. Beim Schoko-Shopping lassen sich nebenbei in Vitrinen alte Handwerkzeuge zur Schokoladenverarbeitung bestaunen: Waagen, Formen, Behälter, Löffel und Streichwerkzeuge.

Ich widerstehe der Versuchung, mich mit Herzen, Tafeln, Stangen oder likörgefüllten Spezialitäten einzudecken und die VFR als Schokoladenbomber zu missbrauchen. Lieber kurve ich über geschwungene Landstraßen entspannt weiter gen Süden. Es gibt in der Schweiz neben großen Schokoladenamen wie Lindt & Sprüngli, Suchard, Maestrani, Camille Bloch oder den Nestlé-Konzern, um nur einige zu nennen, natürlich auch zahlreiche mittlere und kleine Betriebe.

Eine halbe Fahrstunde oberhalb des Genfer Sees gelegen ist die Ortschaft Palezieux-Gare. Dort logiert mit der „Chocolaterie Artisanal Melinda“ ein sympathischer Einfraubetrieb. Der Laden ist so klein, man traut sich kaum umzudrehen. Dafür bietet die Vitrine mit Schoko-Naschereien eine umwerfende Auswahl. »Natürlich alles selbst fabriziert«, strahlt Melinda Rost, die hier seit erst vier Jahren ihr süßes Handwerk ausübt, kunstfertig, liebevoll und in ländlicher Ruhe. Die Qualität ihrer Produkte hat sich herum gesprochen. Die Kunden finden aus der ganzen Region zu ihr und decken sich mit Schoko-Delikatessen ein, und das nicht nur vor festlichen Feiertagen.

Ich verkoste einiges von Melindas Leckereien: Schokoladen-Kirsche, Champagner-Kugel, etwas mit Pistazien, eine Schoko-Kreation mit einem Stück Orange, eine kugelige Erfindung namens „Schéhérazade“, in Schokolade getunkte Kapstachelbeere und noch ein paar Dinge, deren Auswirkung auf die schlanke Linie nur mit verheerend umschrieben werden können. Als ich zur Weiterfahrt aufbreche, stelle ich erleichtert fest, dass sich der Reißverschluss der Lederkombi noch schließen lässt....

Inzwischen ist es Samstagmittag. Nun rückt Motorradfahren in den Vordergrund. Ich peile den Genfer See an und rolle am Städtchen Vevey, obwohl schokohistorisch bedeutend, einfach vorbei. Hier wurde die erste Schweizer Schokoladenfabrik gegründet (anno 1819). Hier wurde die Milchschokolade auf den Markt gebracht. Und hier erfand Rodolphe Lindt das sogenannte Conchierverfahren, bei dem in einem speziellen Rührwerk aus krümeliger, fast mehliger Schokoladenmasse schließlich ein zartschmelzendes Endprodukt wird.

Ich gedenke diverse Pässe unter die Räder zu nehmen und steuere nach einer Rast in Montreux am Genfer See nach Aigle, um anschließend den Einstieg in die Bergwelt zu schaffen. Mein Ziel ist der Col des Mosses, danach soll es über Saanen und unterhaltsam Straßen ins kurvenreiche Nieder-Simmental weiter gehen. Aber kaum, dass es kurviger wird und die Straßenführung bergan zu steigen beginnt, macht das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Es wird wolkiger und kühler, aus zunächst leichtem Niesel- wird immer stärkerer Dauerregen. Irgendwann beschließe ich in einem Gasthaus bei einer Tasse Schokolade, lieber umzudrehen und über Martigny gen Westen zu fahren, um mein Glück am Fuß der Berner Alpen zu probieren.

Das geht eine Weile gut, aber dann wird es dunkler, nasser, ungemütlicher. Ich pausiere unter einer Brücke, vertilge ein weiteres Stück vom Toblerone-Riegel. Bei der Weiterfahrt wird der Regen heftiger. Während ich mir noch tapfer einrede, dass es mir gut geht, kehre ich trotzdem bei der nächstbesten Gelegenheit in einem Motel ein. Während ich das Zimmer belege und die VFR beruhigend direkt vor dem Eingang parke, bollern zwei ziemlich laute Big-Twin-Alteisen heran, die Fahrer sind Deutsche und beziehen ebenfalls Quartier. Das Motel hat auch ein Restaurant, wir werden später zusammen zu Abend essen.


Dritter Tag. Sonntag.

Das Motelpersonal hat frei, deshalb beginnt der Sonntag ohne Frühstück. Es tröpfelt leicht, also ziehe ich gleich die Regensachen an. Die Motelschilder am Eingang versprühen schönes Flair, schnell noch ein Foto vor der Abfahrt. In der nächsten größeren Ortschaft ist eine Cafeteria, gleich neben dem Bahnhof. Ich parke auf dem Trottoir und hole das Frühstück nach, eine große Tasse Kakao und ein Croissant. Die Szenerie in dem Lokal ist fast kinoreif. Eine abgetakelte Dame raucht und frühstückt simultan, zwei schleimige Typen trinken Bier, ein Kerl mit Stiernacken liest Zeitung, ein junges Pärchen wartet händchenhaltend auf einen Zug, die Bedienung wirkt gelangweilt, lächelt aber freundlich, obwohl ich in den Gastraum gerauscht bin, ohne das Regenzeug auszuziehen.

Vor dem Fenster parkt die VFR. Nicht mehr so sauber wie bei der Abfahrt. Aber trotzdem schön anzuschauen. Ich finde Optik und Anmutung gelungen, einzigartig modern. Sogar die Packtaschen sind ins Design integriert. Der Tankrucksack stört? Kann sein, ist ja auch mein eigener. Ich habe ein Kabel von der Batterie zum oberen Sichtfach verlegt und dort mein Navi untergebracht.

Hinter Sierre geht es im Tal der Berner Alpen entlang, immer Richtung Simplon- und Furka-Pass. Ich fühle mich wohl. Ist schon komisch: Immer wenn ich im Auto sitze und andere Motorradfahrer im Regen sehe, denke ich „Ach die Armen“. Sitze ich selber im Sattel und Petrus weint, ist das entweder halb so wild oder trotzdem okay. Das hängt immer von den Umständen ab, etwa von Sachen wie:

Macht das Motorrad grundsätzlich Spaß?
Ja klar, schließlich sitze ich auf einer VFR.

Trockene Füße dank Goretex-Stiefel?
Yup.

Gutes Regenzeug an? Beschlagfreies Visier?
Doppel-Ja.

Taugen die Reifen?
Absolut, Dunlop Roadsmart. Gutes Feedback, sicheres Feeling.

Kardan?
Yes, Sir! Und was für einer!

Wetterschutz durch die Verkleidung?
Klar, ausgefeilter Aerodynamik sei Dank.

Heizgriffe angebaut?
Auch das. Ist angenehm gegen klamme Finger.

Gelassen und ruhig unterwegs, kein Stress, kein Zeitdruck?
Aber ja doch.

Außerdem ist doch alles nur Wasser. Das trocknet wieder. Auf Regen folgt Sonnenschein, immer.

Genau so ist es. Irgendwann reißt die Wolkendecke auseinander, die Straße trocknet auf. In der Nähe von Brig steuere ich eine Tankstelle an und ziehe bei der Gelegenheit die Regenklamotten aus.

Die Streckenführung wechselt nun zwischen Überland-Passagen und Ortsdurchfahrten, wird immer kurvenreicher. Die VFR brummt entspannt vor sich hin. Tief durchatmen, die Luft ist herrlich klar, ich genieße die schöne Landschaft und den Blick auf die Berge. Wir nähern uns den ersten namhaften Passstraßen. Den Simplon-Pass nach Italien lasse ich rechts liegen, steuere weiter gen Nord-Osten. Am Fuß des Furka-Pass, in Gletsch, zweigt links die Straße zum Grimselpass ab. Vor und erst recht in der Ortschaft plötzlich ein Menschenauflauf. Der Grund wird rasch offensichtlich – weil eine alte Dampfeisenbahn den Berg hinauf fährt.

Ich parke, um mir das Spektakel anzuschauen. An diesem Wochenende wird ein restauriertes Teilstück der Bahnstrecke wieder in Betrieb genommen und mit einem Fest gefeiert. Das historische Ambiente des Events verstärken vierrädrige Oldtimer, die an der Haltestation ausgestellt sind. Dazu kurbeln zwei graumelierte Herren im Smoking beschwingt an alten Leierkasten-Drehorgeln. Aber alles wird übertönt, als die Lokomotive pfeifend, zischend und rumpelnd mit ungeheurer Dampfentwicklung den Zug in Bewegung setzt – herrlich.

Zurück auf der VFR, komme ich mir doch sehr neuzeitlich vor. V4, Big-Bang, PGM-FI-Einspritzung, Designer-Kleid und Aerodynamik-Tricks, Digitalzündung, Drive by Wire, Elektronik-Blackbox, Combined ABS, Einarm-Schwinge, Kardan mit homokinetischem Gelenk. Statt Kohle schippen und Dampfräder aufdrehen, schnippe ich einfach nur am Gas und die Hightech-Honda schießt mich den Berg hinauf, touristisch oder sportlich, ganz nach Belieben. Und alles funktioniert ohne Schluckauf. Alte Technik ist etwas Schönes, kein Thema; aber neue Technik ist toller, no contest.

Ich kurve den Grimselpass rauf und habe Spaß. Das Wetter wird immer besser, mit blauem Himmel, Schäfchenwolken und reichlich Sonnenschein. An der Passhöhe ist nicht viel los, also rolle ich gleich wieder talwärts. Auf halben Weg ins Tal ist ein Rastplatz, an dem hausgemachte Wurst und Käse verkauft wird. Tafelschokolade und Negerküsse gibt es aber auch. Die Negerküsse sind einzeln in Goldpapier eingepackt und von Dubler, was für ein Zufall, diese Schweizer Firma habe ich eh auf meinem Routenplan. Also probiere ich schon mal einen Mohrenkopf – sehr cremig und lecker!

Als nächstes peile ich den Susten-Pass an. Die Verbindungsetappe dorthin entpuppt sich als Traum. Eine Kurve jagt die nächste, schön flüssig im Verlauf, dazu toller, glatter Asphalt. Das göttliche Stück Straße will gar nicht mehr aufhören, das Tempo steigt automatisch, schöne Schräglage rechts, schöne Schräglage links, und wieder rechts und wieder links, und so weiter, die VFR zeigt ihre Schokoladenseite, dritter, vierter Gang, einfach laufen lassen, an einem herrlichen Sonntagmittag, kein Verkehr weit und breit. Was für ein Vergnügen, ich sause traumhaft sicher durch Zeit und Raum und jubiliere zum V4-Sound unter meinem Helm, Motorrad fahren at it´s best, unglaublich.

Danach perlt die VFR den Susten-Pass hinauf. Immer noch erstaunlich wenig Verkehr. Ich lasse es locker angehen, zirkele die Kehren hinauf. Je höher es geht, desto kühler und ungemütlicher wird es. Erstaunlich, wie rasch plötzlich Wolken aus dem Tal heraufziehen. Die Fernsicht auf die Bergwelt währt nur kurz, bald sind die VFR und ich von Nebel umzingelt. Auf der Passhöhe ist es nass, vier junge Skandinavier mit alten Saabs knattern auf den Platzplatz, die scheinen auch Spaß zu haben. Eine Motorradgruppe kommt aus der anderen Richtung und fährt vorbei, mittendrin eine neue VFR, sieh an, Feinschmecker sind überall. Ich stiefele durch wieder einsetzenden Nieselregen hoch zum rustikalen Kiosk und schlürfe eine warme Tasse Kakao.

Noch ahne ich nicht, dass der Tag im Wesentlichen schon gelaufen ist. Es wird weiter tröpfeln, die Abfahrt ins Tal und weiter Richtung Altdorf ist schön, zerrt aber an der Konzentration. Als die Abzweigung Richtung Klausen-Pass kommt, fahre ich weiter Richtung Urner See. Die Wolken drohen dort genauso dunkel, aber die Aussicht, baldmöglichst in einer Bleibe einzukehren, scheint verlockender, als den Pass bei einbrechender Dunkelheit noch zu überqueren. Ich finde ein Hotel, eine Flagge für zweiradfahrende Gäste flattert einladend am Mast, und ich beschließe den Tag zeitig mit Kakao und einem Stück Schokokuchen.

Vierter Tag. Montag.

Das Hotel war ein Reinfall. Dusche kalt, Frühstück lieblos. Immerhin, die Klamotten sind wieder trocken, die VFR übernachtete in der Garage.

Das Wetter könnte besser sein, aber ich will nicht jammern. Die VFR nimmt den Klausenpass unter die Räder, der die Kantone Uri und Glarus miteinander verbindet. Der Klausen gehört zweifelsohne zu den schöneren Pässen, vor allem weil er durch sein Flachstück am Urnerboden die zwei Serpentinenabschnitte unterbricht. Die VFR verliert auch in kniffligen Passagen nicht die Contenance. Dank willigem Handling und entspannter Sitzposition lassen sich auch Haarnadeln sicher meistern. Nur manchmal, wenn es sehr eng zugeht, empfiehlt es sich, in den ersten Gang herunter zu schalten – kein Problem.

Auf der Passhöhe treffe ich auf zwei Honda ST1300 Pan European, eine Deauville sowie eine Bayrische. Die Motorradgruppe aus Süddeutschland amüsiert sich schon eine Woche in den Bergen und ist jetzt auf dem Heimweg. »Ui, jetzt will sie nicht mehr«, stößt einer der ST1300-Fahrer hervor, als beim Druck auf den Elektrostarter nix passiert. »Kann nicht sein, das ist eine Honda«, denke ich laut, als er feststellt, dass der Kill-Schalter aktiviert war. Umgelegt, zweiter Startversuch und schon brummt der Motor. »V4 halt«, nickt der Fahrer zufrieden herüber und dampft ab.

Ich fahre weiter und schwinge mich durch schöne Kurven abwärts ins Tal. Unten angekommen werfe ich einen Blick auf die Karte und beschließe kurzerhand, zwei süße Destinationen von meiner Liste zu streichen. Eine Schokoladefabrik bei Luzern wäre von meinem jetzigen Standpunkt nur schwierig zu erreichen. Und das Schoggi-Land, eine Art Schoko-Einkaufsparadies in der Nähe von St. Gallen, liegt diametral in der anderen Richtung. Also lenke ich die VFR lieber eine ganze Weile westwärts Richtung Zürich, peile im schönen Kanton Aargau den Ort Waltenschwil an und dort die Mohrenkopf-Firma Dubler.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber ich bin überrascht. Ein properes Haus, vorne seitlich ein kleines Fenster, hinten ein Anbau. Der Chef Robert Dubler ist freundlich, ich darf sogar die Fabrikation anschauen. An drei Maschinen wird in großen Bottichen die Füllcreme gerührt. Anschließend spritzt eine spezielle Maschine die Creme dosiert auf die Waffeln, immer in Achterreihen, ein Band zieht die Rohlinge unter einer Dusche aus flüssiger Schokolade durch, anschließend wird eine Kühlstrecke passiert, dann wird verpackt.

6.000 Mohrenköpfe pro Stunde, 40.000 pro Tag. Und der Löwenanteil wird direkt verkauft. Während meines Besuchs rollen ständig Autos vors Haus, die Leute gehen zum Fenster, kaufen in unfassbaren Mengen und ziehen mit Karton bepackt wieder ab. Sogar ein Autobus mit Senioren rollt vor und deckt sich mit Mohrenköpfen ein. Alle schieben sich auf die Schnelle einen frischen, megaleckeren Negerkuss zwischen die Zähne und strahlen dabei um die Wette. Auch ich esse einen Mohrenkopf und beschließe, noch während ich einen zweiten verschlinge, sogleich eine Diätphase für die nahe Zukunft.

Inzwischen ist es später Nachmittag. Es ist zwar trocken, aber da der nächste Tag wieder eher trübe Witterung in Aussicht stellt, erwäge ich über Basel die Rückkehr nach Deutschland. In die Heimat wird es vielleicht zwei, drei Tankfüllungen dauern. Hinter der Grenze beschließe ich endgültig, in die Nacht hinein zu fahren. Ich werde bequem sitzen, den Windschutz und das superbe Licht des VFR-Scheinwerfers genießen und die paar Hundert Autobahn-Kilometer dank locker sprudelnder V4-Power einfach wegatmen. »Los Honda, es waren schöne Tage, echt köstlich, aber jetzt bring mich nach Hause«, höre ich mich sagen, lasse die Kupplung ein und schalte gefühlvoll die Gänge durch.   schließen

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V4 Stories Archiv

  • 2010-09-09 - Köstlich – VFR-Schoko-Tour durch die Schweiz
  • 2010-08-13 - Fortschritts-Welle – der VFR-Kardan unter der Lupe
  • 2010-07-24 - Abenteuer auf Honda VFR1200FD: Road Blog 2010
  • 2010-05-28 - VFR-Testfahrt-Tage: Große Aktion an Biker-Treffpunkten
  • 2010-05-27 - Broschüre »Schöner Schalten« zum VFR-Doppelkupplungsgetriebe
  • 2010-05-13 - Fahrbericht VFR1200FD mit Dual Clutch Transmission
  • 2010-05-07 - Video zur Design-Entwicklung der VFR1200F
  • 2010-04-15 - VFR1200F-Schulung in der Honda Akademie in Erlensee
  • 2010-02-26 - Original-Zubehör für die VFR1200F
  • 2010-02-08 - Wintertreffen des VFR Owners Club
  • 2010-01-27 - VFR1200F Premiere bei Honda Händlern am 30.01.2010
  • 2010-01-11 - VFR History Booklet
  • 2009-12-18 - Erste Ausfahrt mit der Honda VFR1200F
  • 2009-12-17 - Wintergruß: Weiße VFR statt weißer Weihnacht
  • 2009-12-15 - Video vom Test-Event der Honda VFR1200F in Loja/ES
  • 2009-11-27 - Japanische Impressionen, Teil 4, Besuch der Honda Collection Hall Motegi
  • 2009-11-13 - Japanische Impressionen, Teil 3: Besuch im Honda-Werk Kumamoto
  • 2009-11-11 - Soundfile - So klingt die neue VFR1200F
  • 2009-11-09 - Japanische Impressionen, Teil 2: VFR1200F-Testevent in Sugo
  • 2009-11-06 - Japanische Impressionen, Teil 1: Tokio Motor Show
  • 2009-11-06 - Video: Aaron Lang präsentiert die VFR1200F auf der Tokio Motor Show
  • 2009-10-09 - Offizielle Präsentation der neuen VFR1200F
  • 2009-10-05 - Ministory: Honda VFR, RC 46II, 2002 bis heute – Die fünfte Generation
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  • 2009-09-08 - NR750 von 1992: Eine Ausfahrt mit Hondas V4-Kronjuwel
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  • 2008-12-18 - The making of: Honda RC30
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  • 2008-11-12 - Shigeru Takagi, EICMA-Ankündigung
  • 2008-11-07 - V4-Tagebuch, Eintrag 2
  • 2008-11-05 - V4-Tagebuch, Eintrag 1
  • 2008-11-04 - Im Rückspiegel: Honda auf der Intermot 2008
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